
Es gab schon Zeiten, da konnte die Menschheit positiver in die Zukunft schauen. Wir haben alle keine Ahnung, wie lange der Russische Angriffskrieg noch weitergeht und welche verheerenden Auswirkungen er auf die unmittelbar betroffene Bevölkerung und die Welt noch haben wird. Dass sich das Klima verändert und uns die Erde als Reaktion auf unser Verhalten uns derzeit auf allen Längen- und Breitengraden ordentlich einheizt ist seit Monaten täglicher Bestandteil der Nachrichten. Ich glaube zwar nicht, dass die Letzte Generation der Menschheit schon geboren ist, aber wenn wir so weitermachen, dann wird sich unser Planet möglicherweise tatsächlich doch irgendwann von der Menschenplage befreien. Dann wären da noch die weltweit ungelösten Migrationsfragen, die Energiekrise, die Inflationskrise, die steigenden Zinsen und… und… und… Aber irgendwie ist das alles blöd, weil uns das alles ein wenig überfordert und wir irgendwie begriffen haben, dass das alles aus dem Ruder läuft und wir keine raschen Lösungen für die Probleme haben. Außer die Populisten, die wissen immer wie es geht – vor allem im Nachhinein.
Da ist es doch schön, in Österreich leben zu dürfen und über andere Themen diskutieren zu können. Haben sich die Österreicherinnen jahrhundertelang bei der Anrede „Liebe Österreicher“ mitgemeint gefühlt, ist jetzt die Frage, ob der männliche Teil unserer Spezies bei der Anrede „Liebe Österreicherinnen“ auch aufmerksam wird. Es ist natürlich schon von großem Belang (zumindest für manche), ob man „Liebe Österreicher*innen“ oder „Liebe ÖsterreicherInnen“ oder „Liebe Österreicher/-innen“ oder „Liebe Österreicher und Österreicherinnen“ oder „Liebe Österreicher und -innen“ schreibt. Der Skandal ist eigentlich der, dass das jahrhundertelang kein Thema war, was offenbar unserem inneren Drang nach Verdrängen geschuldet ist. Ob es für die Frauen nicht vielleicht doch besser wäre, die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern durch längst fällige Gehaltsanpassungen und ähnliches als durch Anredediskussionen wettzumachen? Wäre ich eine Frau, wäre mir das wichtiger.
Da stellt sich einem natürlich die Frage: „Ist das alles noch normal“? Und schon ist man bei der nächsten Diskussion über den nächsten Begriff. „Normal“, zumindest war es das bisher, hat bedeutet, der Norm zu entsprechen, also den allgemein anerkannten und als verbindlich geltenden Regeln und Erwartungen für das gute und gedeihliche Zusammenleben in einer Gesellschaft.
Aber wenn die Wahrnehmungen und Erwartungen der Gesellschaft wie derzeit so unterschiedlich sind und auseinanderdriften, dann wird es schwierig, einer allseits anerkannten Norm zu entsprechen. Dann ist es doch gleich besser, alle interpretieren das Wort „normal“ individuell und für sich passend. Dann hält sich jeder für normal und Andersdenkende und -handelnde für abnormal. Jede Partei formuliert den Anspruch, sich für die normal Denkenden einzusetzen und fordert diejenigen, die sich für normal halten, auf, diese oder jene Partei zu wählen. Das Blöde daran ist, dass es die politische Landschaft deshalb nicht verändert, weil ja schon bisher alle glauben, dass ihr bisheriges Wahlverhalten völlig normal ist. Wenn ich mir die letzten Umfragen ansehe, dann wage ich dies allerdings zu bezweifeln.
Aber ich denke mir, man sollte allen das Selbstgefühl lassen, normal zu sein. So wie für mich eine 60-Stunden-Arbeitswoche normal ist, ist es halt für andere eine 32-Stunden-Woche. Für die einen ist es normal, sich im Urlaub die Haut am Strand verbrennen zu lassen, für andere, stundenlang bergauf zu marschieren. Die einen halten sich für normal, weil sie FPÖ wählen, die anderen wiederum, weil sie dies niemals und unter keinen Umständen machen würden. Für die einen ist es normal, 9 Stunden zu schlafen, für andere, wie für mich, ist es normal, dies für vergeudete Lebenszeit zu halten. Diese Auflistung könnte man jetzt 100 Seiten lang mit allen möglichen Begriffen weiterführen.
Für die einen ist es normal, sich mit Gendern und dem Begriff „Normalität“ auseinander zu setzen, für andere, wie für mich, ist die Auseinandersetzung mit anderen Themen wichtiger und normaler. Das heißt aber nicht, dass ich unbedingt damit richtig liege, wenn ich mich heute im Gemeindeamt mit meinen Mitarbeiter/-innen (Mitarbeiter*innen, MitarbeiterInnen, Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen) mit den Themen „Lärmreduktion“, „Photovoltaik“, „Umbau Friedhof“ und „Neuorganisation unserer Horte“ beschäftigen werde.






