
Politiker, die unbedingt in ihren Funktionen bleiben möchten, haben eigentlich nur ein einziges großes Existenzproblem: Das eigene Volk. Das ist auch der Grund, warum Diktatoren und Autokraten selten von außen und zumeist immer nur von der eigenen Bevölkerung gestürzt wurden.
Das weiß natürlich auch Wladimir Putin. Solange das russische Volk hinter seinem Krieg gegen die Ukraine steht, wird er seinen brutalen und menschenverachtenden Weg weitergehen. Es werden ihn weder Sanktionen noch Proteste in Berlin, Madrid oder Wien beeindrucken. Solange das russische Volk mehrheitlich seine Erzählung von der notwendigen Invasion zum Schutz des eigenen Landes glaubt, solange ist er unantastbar. Solange das russische Volk seine Erzählung glaubt, dass sich alle gegen die russische Nation verschworen haben, weil der Westen Angst vor einem starken Russland hat, wird Putin die Mehrheit der Russen hinter sich haben. Natürlich muss er dafür Falschinformationen verbreiten, innerrussische Proteste im Keim ersticken und objektive Berichte unterbinden. Das ist in der heutigen digitalen Welt natürlich schwieriger als noch vor einigen Jahrzehnten. Darauf zu hoffen, dass irgendjemand aus dem engsten Putin-Kreis dem ein Ende setzen wird, ist naiv. Herr Putin ist aus meiner Sicht auch nicht verrückt, was viele glauben und hoffen. Er ist eher berechnend und gefühlskalt – wahrscheinlich auch einsam und zunehmend paranoid. Auch glaube ich nicht, dass dieser Krieg nur Putins Krieg ist. Mit diesem Narrativ haben schon zu Hitlers Zeiten seine zahlreichen Schergen versucht, ihre angeblich nur pflichterfüllenden Taten zu entschuldigen.
Natürlich hat sich Herr Putin geirrt, als er annahm, die Ukraine im Handstreich übernehmen zu können. Natürlich hat er vieles falsch eingeschätzt – oder seine Geheimdienste – oder man hat ihm nur das zu erzählen getraut, was er hören wollte. Jetzt hat er begriffen, dass niemand in der Ukraine (außer vielleicht im Donbass und vielleicht auf der Krim)auf ihn gewartet hat. Jetzt hat er begriffen, dass er in der Ukraine nicht als Befreier gesehen wird. Das erklärt für mich auch die Angriffe auf viele zivile Ziele, auf das Massenmorden und die Massenvertreibungen von Millionen Menschen. Damit bringt er auch das von ihm so verhasste Europa in enorme Schwierigkeiten. Es ist letztlich mit 15 bis 20 Millionen Ukrainern zu rechnen, die für kurze oder lange Zeit in den Westen fliehen werden. Das wird für alle Länder – und damit auch für die Gemeinden – eine enorme Hausforderung. Wir alle werden diesen Krieg zu spüren bekommen. Das ist dann wieder die Zeit für populistische Parteien, sich wieder stärker ins Blickfeld zu rücken und Stimmenmaximierung zu versuchen. Und Herr Putin hat aus meiner Sicht noch einen Trumpf – er treibt die westliche freie Welt energietechnisch in die Hände anderer diktatorisch und autokratisch geführten Länder. Die Nachrichten sind voll davon, wie die Wirtschafts- und Energieminister derzeit dort als Bittsteller vorgeführt werden.
Die Ukrainer kämpfen um ihre Existenz, um ihre Freiheit, um die Abwehr eines Aggressors. Wir, die westliche freie Welt sieht dem allen ein wenig hilflos zu. Ob es richtig oder doch völlig falsch war, militärisch überhaupt nicht einzugreifen, wird erst die Zukunft weisen. Aber für mich ist eines klar: Wir werden nie wieder zu unserem „alten“ Leben zurückkehren. Wir werden begreifen müssen, dass demokratische Systeme verteidigt werden müssen. Sich dabei auf andere zu verlassen, ist eine einfältigen Einschätzung. Wir werden angesichts der derzeitigen und der zu erwartenden Flüchtlingsströme mehr zum Teilen bereit sein müssen, als wir wollen. Das wird jede/n von uns auch finanziell treffen. Und: Wir werden unser Energie- und Mobilitätsverhalten rascher ändern müssen, als uns lieb ist.
Wir können nur hoffen, dass die Russen Herrn Putin bald stoppen. Die Frage ist nur, was ist dann? Wer ist die Alternative? Lawrow? Medwedew? Peskow? Schoigu? Ich sehe in Russland keinen Michail Gorbatschow, der eine Chance hätte, Nachfolger zu werden.
Dem stimme ich leider uneingeschränkt zu!