Gemeinderatssitzung: 2. Versuch am Montag

Bekanntlich ist die Gemeinderatssitzung am 23. Juli durch das unentschuldigte Fernbleiben von 8 SPÖ-Gemeinderäten geplatzt, obwohl der Termin 8 Monate bzw. 7 Wochen im Voraus bekannt war und von diesen Gemeinderäten keine Abwesenheit bekannt gegeben wurde (was jedoch – wie in jedem Unternehmen – verpflichtend ist). Die Begründung, dass es eine Frechheit meinerseits wäre, eine Sitzung während der Sommermonate anzusetzen, weise ich entschieden zurück. Wir sind als Gemeinde ein Dienstleistungsunternehmen, das 12 Monate für die Bürger/-innen da zu sein hat und das auch seine Gemeinderäte 12 Monate durchgehend bezahlt. Und bei einer Monatsgage von knapp € 1.500 für geschäftsführende Gemeinderäte darf ich mir als Gegenleistung wohl die Teilnahme bei einer 2 bis 3-stündigen Sitzung erwarten. Einen derartigen Stundensatz hat nicht einmal der Bundespräsident.

Für die Wiederholungssitzung am 20. August ist lt. NÖ Gemeindeordnung nur mehr die Hälfte der gewählten Gemeinderäte notwendig. Damit die Sitzung mit sehr wichtigen anstehenden Entscheidungen nicht wieder „platzt“ wird sicherheitshalber ÖVP-GR MMag. Christian Fischer am Nachmittag von Kärnten anreisen und nach der Sitzung wieder zu seiner Familie zurückkehren. Damit ist die Beschlussfähigkeit in jedem Fall gegeben – und die Sitzung wird in jedem Fall stattfinden – auch wenn kein einziger SPÖ-Mandatar erscheint. Ich bedanke mich für dieses Entgegenkommen und diesen Einsatz.

Umbau Hauptstraße: Eine wichtige und aktuelle Information

Die Neugestaltung des nächsten Abschnittes der Hauptstraße (Linkegasse bis Europaplatz) geht zügig voran. Diesbezüglich hilft uns das trockene Wetter, das lt. Wetterbericht in den nächsten 10 Tagen anhalten wird.

Ab Donnerstag, den 16. August muss ab 6:00 Uhr für eine Woche bis Donnerstag, den 23. August 6:00 Uhr die Hauptstraße in dem betreffenden Bereich in Fahrtrichtung B17 gesperrt werden. Es finden auf dieser Richtungsfahrbahn Fräs- und Asphaltierungsarbeiten statt. In dieser Zeit wird es eine Umleitung über die Schloßmühlgasse und den Eumigweg geben.

Die Zufahrt zum Gemeindeamt und der Post ist über den Europaplatz (dzt. Parkplatz des E-Fahrzeuges) möglich.

Über diesen Bereich können Sie in der nächsten Woche zur Post und zum Gemeindeamt zufahren.

Die Zufahrt zum Parkplatz Rathauspark bleibt offen und wird lediglich von Montag, den 20. August ab 18:00 Uhr bis Dienstag, 21. August 18:00 Uhr gesperrt, weil in dieser Zeit die Einfahrt von der Hauptstraße asphaltiert wird.

Das war ein schönes, trauriges, abwechslungsreiches Wochenende

 

Auf den Barrikaden – bei Les Misérables

Begonnen hat das letzte Wochenende am Freitag mit zwei Bussen voll mit Wiener Neudorfern, die nach Staatz zur Felsenbühne gefahren sind und sich „Les Misérables“ angeschaut haben. Eine tolle Aufführung rund um das Ensemble von Werner Auer, der auch der zeitweise einsetzende Regen nichts anhaben konnte.

Am Samstag war eine große Wiener Neudorf-Abordnung beim Begräbnis von Alt-Pfarrer Mag. Florian Sobocan in Hochwolkersdorf anwesend. Es war ein berührendes, gut organisiertes und zu Herzen gehendes Abschiedsfest für einen großartigen Menschen und Seelsorger, der mit 54 Jahren viel zu früh nach schwerem Leiden verstorben ist. Am Rande der  Trauerfeier konnte ich auch mit Kardinal Dr. Christoph Schönborn über das von uns gemeinsam vor 15 Jahren mit Prof. Ernst Fuchs begonnene Klosterkirchen-Projekt sprechen. Wir haben einen gemeinsamen Termin im Herbst vereinbart, um die weitere Vorgehensweise zu erläutern.

Der Sonntag war wieder von ganz anderen Programmen dominiert. Es gab das Mittelalterfest im Klosterpark, das immer mehr zu einem nicht mehr wegzudenkenden Höhepunkt im Jahreskalender von Wiener Neudorf wird und das an beiden Tagen mehrere Tausend Zuschauer anzog.

Und am Abend ging es dann in den Mödlinger Bunker zur Premiere von „Karl MayBe – Mit Schmetterhand und Silberbüchse“. Die unbedingt sehenswerte Aufführung über die erschwindelten Lebensreisen des Zuchthäuslers Karl May, währenddessen das Publikum mehrere Szenen im angenehmen 10 Grad kalten Bunker durchwandert, sind vom 16. August bis 2. September jeweils Donnerstag bis Sonntag zu sehen.

Festansprache Salzburger Festspiele 2018: Eine Rede, die ich gerne geschrieben hätte!

Unbestritten ist Philipp Blom, geb. 1970, einer der wichtigsten und hellsten Köpfe Europas. Heuer war es an ihm,  die Festansprache zur Eröffnung der Salzburger Festspiele zu halten. Es war für mich eine der geistreichsten, wichtigsten und notwendigsten Reden der letzten Zeit, in der wir alle so viele Aussagen, Reden, Kommentare und Meinungen erdulden müssen, die das Eine an sich haben, sich an Populismus, Oberflächlichkeit und Dummheit zu überbieten.

Wir Österreicher können stolz sein, dass der im Hamburg geborene Philipp Blom seit über 10 Jahren in Wien ansässig ist. Der studierte Philosoph und Historiker schreibt für alle wichtigen Zeitungen im großbritannischen und deutschsprachigen Raum (so auch für den Standard) und modert regelmäßig in Ö1.

Philipp Bloms Bücher zählen für mich zu weisesten und scharfsinnigsten der gegenwärtigen Sachbuchszene.

Ich weiß, dass ich Ihnen als Leser meines Blogs viel zumute, wenn ich Ihnen den Text seiner Rede ans Herz lege. Sie werden es, soviel kann ich Ihnen versprechen, nicht bereuen, eine Viertel Stunde Ihres Lebens dafür verwendet zu haben. Es ist eine Rede, die ich gerne selbst geschrieben hätte und die mir aus der Seele gerissen ist.

 

PHILIPP BLOM: Wir sind alle Kinder der Aufklärung

Festansprache zur Eröffnung der Salzburger Festspiele am 27. Juli 2018

I

Ich bin als Kind der Aufklärung aufgewachsen und hatte das Glück, in einem Haus voller Bücher zu leben. Das hat meine Fantasie befeuert, wenn auch manchmal ganz anders als erwartet.Ein Beispiel: Wie alle Vierzehnjährigen fand ich das Leben überwältigend und unerklärlich — also griff ich in den Bücherschrank und fand Immanuel Kants Kritik der reinen Vernunft. Ich hatte gehört, dass das ein großes Buch sei, und ich hoffte, die Philosophie würde mir mein Leben erklären, in klaren Sätzen und Regeln.

Das Ganze war irgendwie erhaben und klang sehr beeindruckend, aber es machte mich ratlos. Mein Leben stand Kopf, und das System des großen Kant hatte nichts dazu zu sagen. Wie viele hoffnungsvolle Leser vor und nach mir legte ich das Buch enttäuscht zur Seite.

Und trotzdem war da diese Idee, in die ich mich — ich war schließlich im rich­tigen Alter — unsterblich verliebte: die Behauptung, dass ich einen Pfad durchdiese chaotische Welt aufspüren könne und die dafür nötige Landkarte nicht in einer heiligen Schrift zu finden sei, nicht in einer Bibliothek oder einem Mythos —sondern in mir, in meiner Vernunft: einer Fähigkeit zu denken, die allen Menschen eigen und so natürlich wie das Atmen ist.

Aus der ersten intellektuellen Liebe ist eine lebenslange, nicht immer reibungs­lose Beziehung zum methodischen Denken geworden, eine seltsame Fernbezie­hung zu jenen leuchtenden Ideen von Leuten, die längst nicht mehr am Leben sind.

Die für mich wichtigste Begegnung dieser Art war die mit dem unwidersteh­lich sinnenfreudigen und scharfsinnigen Denis Diderot im vorrevolutionären Frankreich, der als Herausgeber der großen Encyclopédie bekannt wurde und der in seinen Briefen, literarischen Texten und Essays ein radikal humanistisches Weltbild erschrieb und erdachte.

Diderot und die anderen Autoren des 17. und 18. Jahrhunderts lebten zu einer Zeit, in der die hellsten Köpfe gerade begannen, die ersten Atemzüge der Moderne zu spüren.

Bei ihnen lernte ich, dass weder die Aufklärung noch die Philosophie über­haupt aus einem Katalog von Lehrsätzen und dicken Büchern besteht, sondern aus einer Landschaft von Debatten, Provokationen, Entwürfen und Experimenten. Philosophie ist, wie die Schweizer Philosophin Barbara Bleisch es formuliert, „riskantes Denken“.

In einer Welt, in der die Macht von Thron und Altar absolut war, wagten es diese Denker, alles um sich herum und in sich selbst in Frage zu stellen und neu zu begreifen. Sie ließen sich durch Zensur und Geheimpolizei nicht einschüch­tern und riskierten sogar, durch ihre skandalösen Gedanken über Religion und über Menschenwürde zu Fremden im eigenen Land und in der eigenen Familie zu werden.

Trotz dieser oft sehr realen Gefahren erwies sich das klare Denken als un­widerstehlich und hat dadurch unsere Gegenwart geprägt: Menschenrechte,liberté — égalité — fraternité, life — liberty — and the pursuit of happiness, Demo­ kratie, Naturwissenschaft, die Befreiung der Sklaven, das Ende der Kirchen­ herrschaft und die Emanzipation der Frauen wären ohne die Aufklärung buch­ stäblich undenkbar.

II

„Wir sind alle Kinder der Aufklärung.“
Dieses Bekenntnis ist inzwischen zur Phrase verkommen. Politiker, Journalisten und Historiker reden so, als wäre es eine selbstverständliche Tatsache.

Dabei widerlegt gerade die Gegenwart ganz offensichtlich solche Bekennt­nisse, denn es hat in westlichen Ländern seit dem Ende des Totalitarismus keinen so weitreichenden und mächtigen Angriff auf die Aufklärung gegeben wie heute.

Die Aufklärung ist der Versuch, das kritische Denken und den Respekt vor Fakten höher zu achten als Meinungen, Vorurteile, Gefühle, Traditionen oder Dogmen. Dieses Prinzip ist plötzlich in die Defensive geraten:

In Zeiten von Fake News, in denen Faktenwissen von Filterblasen abgewehrt wird, ein amerikanischer Präsident sich selbst als Lügner täglich überbietet und in denen auch hierzulande „stichhaltige Gerüchte“ bemüht werden, um die alte Mär von der jüdischen Weltverschwörung wieder wach zu kitzeln, muss man diesen Punkt nicht weiter ausführen.

Auch die universellen Menschenrechte sind längst zu einer rhetorischen Be­schwichtigung zusammengeschnurrt. Denn selbstverständlich gilt global ein Zwei­Klassen­Menschenrecht. Wer im reichen Westen geboren ist, hat mehrRechte, mehr Freiheiten, mehr Chancen — und das auch auf Kosten anderer.

Christoph Ransmayr, kürzlich aus Ruanda zurückgekehrt, formuliert diesen Zusammenhang so: Ohne die hier geschürften Erze und seltenen Erden, ohne die Gold­ und Silber­ und Diamantenminen und unzähligen anderen Bodenschätze, ohne die hier eingebrachten Ernten, ohne die Arbeitskraft von Abermillionen Sklaven und Billigstlohnarbeitern wäre Europa wohl bis zum heutigen Tag noch längst nicht jenes Paradies, als das es in jenen Flüchtlingsströmen ersehnt und bewundert wird …

Dieses Paradies ist, wie alle Paradiese, bedroht. Das universelle Denken und die universellen Menschenrechte sind abgelöst worden vom Rückzug auf das Eigene, auf die Nation, die Grenze. Freiheit, Gleichheit und Solidarität sind offensichtlich nur dann attraktiv oder durchsetzbar, wenn sie von hohen Mauern und Stachel­draht geschützt werden. Sie sind eben unsere Freiheit und unsere Gleichheit.

Aber was ist diese Freiheit wert, wenn sie darin besteht, nichts wissen zu müs­ sen, nicht informiert sein zu müssen, sondern es sich wiederkäuend bequem zu machen? Und was ist die angemessene Reaktion auf Bürgerinnen und Bürger, denen offensichtlich ihre Mündigkeit lästig, Freiheit zu anstrengend und Gleich­heit suspekt ist, die eine gefühlte Wahrheit einer durchdachten vorziehen?

In diesem Kontext nimmt der Satz „Wir sind Kinder der Aufklärung“ eine andere Bedeutung an.

Immer öfter wird er auf dem ersten Wort betont und soll bedeuten: Wir sind Kinder der Aufklärung — keine Moslems also, keine kulturfremden Eindringlinge,denn die sind nicht wie wir, sie sind unaufgeklärt, nicht integrierbar, sollen bleiben, wo sie herkommen. Wir wollen behalten, was wir haben, wir bleiben, wie wir sind.

So wird die Aufklärung zur Waffe für den Erhalt des Status quo der Reichen und der Mächtigen.

III

Die Demontage der Aufklärung reicht weit über Europa hinaus. Auf dem ganzen Globus entstehen autokratische Staaten, werden längst überwunden geglaubte, autoritäre Strukturen und nationalistische Identitäten zum Programm oder zur Praxis, verlieren Wahrheit und Wissenschaft an Verbindlichkeit, greift freiwillige Verdummung Raum.

Vielleicht ist das einfach eine Reaktion auf die grundlegenden Veränderun­ gen der Gesellschaft innerhalb von gerade einmal drei Generationen. Nach dem

Fortschritt kommt der Rückschritt. Vor dreihundert Jahren war es einfach, an denFortschritt zu glauben — heute beginnen die Nebenwirkungen des Fortschrittsseine ursprüngliche Absicht zu überwältigen, und so kann sich Fortschritt selbst in sein Gegenteil verkehren. Vielleicht ist dies der Anfang vom Ende der aufkläre­rischen Gesellschaften. Nach uns der ethnische Pluralismus.

Wir bewegen uns zwischen den Kulissen der Aufklärung wie Schauspieler mit dem falschen Text im Bühnenbild eines längst abgespielten Stücks.

*

Aber warum passiert all das gerade jetzt, zu einer Zeit, in der weniger Menschen hungern denn je, weniger Menschen gewaltsam sterben und in der in unseren Ländern mehr Wohlstand und mehr Sicherheit herrschen als je zuvor?

Weil es immer mehr Menschen mit der Angst zu tun bekommen.

Immer mehr Menschen fürchten den Verlust von Besitz und Status, den Verlust einer vertrauten Welt, den Verlust der Hoffnung. Immer mehr Menschen seheneine wachsende Kluft zwischen der offiziellen, liberal geprägten Wirklichkeit unddem, was sie selbst erleben.

Die globale Wirtschaftsordnung ist zu einer bitteren Parodie der aufgeklärten Gedanken mutiert, auf die sie sich beruft. Sie ersetzt die Rationalität durch die Rationalisierung, den Universalismus durch den globalen Markt, die Freiheit des Menschen durch die Wahl der Konsumenten zwischen Produkten und die Gleich­heit durch statistische Normierung. Bürgerrechte werden zu Garantieleistungen, denn in dieser Welt braucht man keinen Pass, sondern eine Kreditkarte.

Im globalen Maßstab hat diese Parodie der Aufklärung alte soziale Strukturenzertrümmert und — um mit dem polnisch-britischen Soziologen Zygmunt Bauman zu sprechen — eine „flüssige Moderne“ geschaffen, in der Gesellschaften, Märkte,Ökosysteme und Identitäten in dauerndem Aufruhr sind.

Diese Parodie erklärt einen Teil der Angst, die in unsere Gesellschaften sickert.

Zur Veränderung kommt die Verlogenheit. Politiker und Ökonominnen sprechen von Wirtschaftswachstum, von Innovation und Produktivität, von Vollbeschäf­tigung und Wohlstand, aber gleichzeitig verdienen immer weniger Menschen immer mehr, während immer mehr Menschen begreifen, dass es für sie keine bessere Zukunft gibt, dass sie zwar für das System funktionieren müssen, das Sys­ tem aber nicht für sie.

Immer mehr Menschen spüren, dass die künstliche politische Idylle der Nach­kriegszeit vorbei ist, dass die Geschichte zurückgekehrt ist nach Europa, mit allihren längst überwunden geglaubten Schattenseiten — und mit ihr ihr Lebensabschnittsgefährte, der alles beherrschende Markt.

So wird die Zukunft nicht mehr als Verheißung, sondern als Bedrohung erlebt. Wir werden nicht noch reicher werden, noch sicherer und noch privilegierter. Die schönste Hoffnung unserer Gesellschaften ist es deswegen geworden, Zukunft überhaupt zu vermeiden und in einer nie endenden Gegenwart zu leben.

Diese Zukunft aber kommt längst zu uns: in Form warmer Winter und cleverer Algorithmen, aber auch zu Fuß oder in Booten, in Gestalt von Menschen. Reiche Gesellschaften können sich Zeit kaufen, um große Veränderungen hinauszuschie­ben, aber sie kaufen sie auf Kredit von ihren Kindern.

IV

Kein Wunder, dass es viele Menschen angesichts dieser dauernden und fließen­ den Destabilisierung mit der Angst zu tun bekommen, und so sehen sich immer mehr Menschen nach Alternativen zu einem System um, das ihre Ängste nicht beschwichtigen kann, das keinen realistischen Grund zur Hoffnung bietet. Die liberale Demokratie aber hat mit der Religion eins gemeinsam: Sie kann nur dann bestehen, wenn genug Menschen an sie glauben.

Tatsächlich aber ziehen sich immer mehr Menschen zurück — aus der Demo­kratie, aus der Verantwortung, aus dem ganzen Getue mit Freiheit, Gleichheit und Solidarität. Es ist der Rückzug vom globalen Markt in die Festung Europa.

Das Stück, das zwischen den Kulissen der Aufklärung aufgeführt wird, droht uns völlig zu entgleiten.

V

Wir sind alle Kinder der Aufklärung, sagen wir, und benutzen diesen Satz als eine Art Regenschirm gegen das Unbekannte.

Wir sind Nachkommen von Pionieren, die etwas riskiert haben, um uns ein bequemes Leben mit verbrieften Rechten zu ermöglichen, eine Generation von Erben, die sich heimlich für moralisch überlegen hält, weil ihre Vorfahren einmal mutig waren.

Vielleicht ist es an der Zeit, endlich erwachsen zu werden.

Erwachsenwerden heißt immer, sich den eigenen Ängsten zu stellen. Ange­sichts der Politik von Angst und Hass, die sich auch in Europa immer weiter aus­

breitet, ist es an der Zeit zu begreifen, dass neben der Erderwärmung heute nochein weiterer Klimawandel stattfindet, ein Wandel der zivilisierten und oft unge­schriebenen Regeln und Haltungen, durch die Demokratie erst möglich wird.

Die liberale Demokratie ist eine sehr junge und fragile Regierungsform, ein his­ torisches Experiment mit offenem Ausgang. Demokratie in unserem Sinn gibt es auch in vielen Ländern Europas überhaupt erst seit wenigen Jahrzehnten, und in manchen wird sie längst aktiv ausgehöhlt. Sie ist kein Naturzustand, sondern läuft immer Gefahr, selbst zur Kulisse zu verkommen, zum Legitimisierungstheater für Autokraten.

Demokratie kann die Voraussetzungen, die sie braucht, um zu bestehen, nicht selbst schaffen.

Sie ist nicht nur auf starke Institutionen angewiesen, sondern auch auf weni­ger klar definierbare Voraussetzungen: auf ein gewisses Grundverständnis, auf eine Art von Anständigkeit, Selbstkontrolle, Respekt im Umgang mit anderen, Respekt vor Fakten. Wenn diese Voraussetzungen unterminiert werden, gerät die Demokratie aus dem Gleichgewicht und wird irgendwann zusammenbrechen.

Das macht es so gefährlich, dass wir in ängstlichen Gesellschaften leben. Ängstliche Menschen denken anders, nehmen die Welt anders wahr als zuver­sichtliche. Jene, deren Beruf und Strategie es ist, Wählerinnen und Konsumenten zu manipulieren, wissen: Wer die Ängste kontrolliert, kontrolliert auch die Men­ schen.

So verschiebt sich das Meinungsklima fast unversehens weg von Ideen wie Menschenrechten und Freiheit und hin zu Identität und Sicherheit in einer feind­ lichen Welt und damit von der Diskussion zur Konfrontation.

Vor dieser Drohkulisse verblasst die rationalistische Aufklärung zum Scheren­ schnitt mit gepuderter Perücke.

VI

Ist also die Aufklärung überholt, ist sie hoffnungslos kompromittiert durch ihre Nähe zur Macht, oder ist sie, wie manche argumentieren, überhaupt ein Fehler gewesen, ein historischer Irrweg?

Aufklärung ist riskantes Denken. Wir, die Erben, wollen dieses Risiko nicht mehr eingehen. Wir wollen eigentlich keine Zukunft, wir wollen nur, dass unsere privilegierte Gegenwart nie aufhört, obwohl sie zusehends um uns herum bröckelt und gespalten wird.

Um das, was kommt, nicht zu erleiden, sondern zu gestalten, bedarf es nichtnur neuer Technologien und Effizienzsteigerungen, keiner hohen Mauern und keiner Abschreckung, sondern einer Transformation des westlichen Lebensmodells, denn erst, wenn Menschen wieder einen realistischen Grund zur Hoffnung haben, wird die Angst verschwinden.

Dafür brauchen wir den Mut, wieder etwas zu riskieren beim Nachdenken über die Welt und über die eigene Position in ihr. Die Aufklärung ist nötiger denn je, aber nicht in ihrer rationalistischen Verengung oder ihrer ökonomischen Parodie.

*

Für meinen besonderen Freund, den Enzyklopädisten Denis Diderot, war die Erfüllung des Lebens schon Mitte des 18. Jahrhunderts nicht die Rationalität, son­dern die volupté, die Sinnlichkeit, die Lust. Wir leben nicht aus Vernunft allein; wir verdanken unser Leben buchstäblich dem Begehren, dem Eros, der uns täglich antreibt weiterzumachen, der uns den Mut gibt, Rückschläge zu überwinden, neue Möglichkeiten zu suchen, mit anderen zu kommunizieren.

Aber Sinnlichkeit ist kein Wettbewerb rationaler Individuen. Begehren und Empathie brauchen, suchen Kommunikation und Berührung, schaffen Auseinan­dersetzung und Solidarität.

Ich bin Mensch, weil ich begehre, weil ich mit anderen Menschen mitempfinde; und ich kann nur dann gut leben, wenn auch andere es tun. — Und plötzlich ent­steht aus dem Begehren eine Ethik. Das aufgeklärte Denken beginnt zu unserer Leidenschaftlichkeit zu sprechen — und sogar zu unserer Angst.

VII

Was wäre, wenn eine neue, dringend gebrauchte Aufklärung mit einer Rehabili­ tierung der Leidenschaft beginnen würde?
Was wäre, wenn wir uns selbst als leidenschaftliche Wesen begreifen würden? Was wäre, wenn wir lernen würden, uns als aufgeklärte Menschen im Licht der Wissenschaft als Homo sapiens zu verstehen, als eine Art, die 98 Prozent ihresErbguts mit Schimpansen teilt und deren besondere Begabung — eine Art sym­bolisch abstrahierende Schlauheit — sie innerhalb von wenigen Jahrtausenden unerwartet erfolgreich und zahlreich gemacht hat?

Dann würden wir begreifen, dass wir nicht erhaben sind über die Natur, son­dern mitten in ihr. Wir würden sehen, dass wir nicht die Krone der Schöpfung sind, dass die Erde uns nicht untertan ist, sondern dass wir ein winziger Teil eines komplexen Systems sind, das übrigens auch ohne uns weiterbestehen wird.

Homo sapiens würde lernen, sich selbst als hochinteressanten, aber proble­matischen Primaten zu begreifen, der nicht immer die Klugheit hat, seine Leiden­ schaft oder seine Intelligenz sinnvoll einzusetzen, und den es trotz oder wegen aller technologischen Errungenschaften mehr denn je nach Zugehörigkeit, Stabi­lität und Sinn verlangt.

Da aber die Stabilität der westlichen Gesellschaften auf ständigem wirtschaft­lichen Wachstum beruht, ist er gezwungen, unentwegt seinen künstlichen Heiß­ hunger zu befriedigen. Dieser Heißhunger lässt sich nur auf Kosten anderer stil­len — und viele von diesen anderen haben das begriffen und wollen lieber beim großen Fressen dabei sein als beim großen Verhungern. Auch so entsteht globa­le Migration.

Die Wirtschaftsleistung unterdessen wächst und wächst, also ist die Gesell­schaft, die Regierung, das Land erfolgreich, zumindest aus der Sicht der offiziellenBeurteilungen.

Aus der Perspektive der Natur stellt sich die Sache freilich anders dar.

Einer unserer wichtigsten kulturellen Partnerorganismen ist Hefe, die es Men­ schen seit Jahrtausenden ermöglicht, Dinge wie Brot, Bier und Wein zu produzie­ren. Hefe ist ein einzelliger Pilz, der sich explosiv vermehrt, indem er Zucker frisst, immer weiter, unersättlich, bis alle Ressourcen aufgebraucht sind und er an seinen eigenen Ausscheidungen erstickt und verhungert.

Auf individuellem Niveau haben Hefepilze zwar keinen Mozart und keinen Shakespeare hervorgebracht; kollektiv aber scheinen Menschen über Jahrmillio­nen der Evolution wenig mehr gelernt zu haben als die Hefe.

Wir fressen uns dem eigenen Ersticken entgegen.

Aber anders als Hefepilze kann Homo sapiens sein Verhalten durch Verständ­nis, Fantasie und Empathie ändern — und so vielleicht eine Zukunft möglich ma­chen, in der die Ökonomie als Teil der Ökologie begriffen wird und Menschen als Primaten, die dazu neigen, sich selbst hoffnungslos zu überschätzen. Das wäre riskant für unseren Wohlstand und den Status quo. Das wäre aufklärerisch.

*

Wer heute vierzehn ist, erbt eine Welt mit immensen Risiken. Wer aber bereit ist, die Dynamik des aufgeklärten Denkens gegen die Dogmen der Gegenwart zu keh­ren, wer bereit ist, selbst zu denken und riskant zu denken, kann Teil einer Zukunft werden, in der es sich zu leben lohnt; nicht als Kind oder als Erbe, sondern als Teilder Natur, als empathischer Primat — und aus Leidenschaft für ein gutes Leben.

Mein Kurzurlaub ist leider zu Ende

Wenn die Enkeltöchter wollen, dann muss der Opa auch schon Mal auf s Trampolin.

Ich freue mich natürlich, wenn es auffällt, dass ich ein paar Tage nichts blogge und ich diesbezüglich Nachrichten erhalte.

Schuld war ein Kurzurlaub mit meinen Enkeltöchtern in der Steiermark, der rechtzeitig beendet wurde, um beim heutigen Wiener Neudorf-Kirtag vor Ort zu sein. Geschäftlich war ich selbstverständlich mit dem Gemeindeamt ständig in Kontakt – außer ich war damit beschäftigt, mich auf dem Trampolin zu halten.

 

Pfarrer Mag. Florian Sobocan gestorben

Ich habe soeben die traurige Nachricht erhalten, dass Mag. Florian „Flo“ Sobocan, der von 1999 bis 2014 Pfarrer in Wiener Neudorf war, gestern verstorben ist. Er hat damit seinen langen Kampf gegen seine Krankheit verloren, nun seinen Platz in der Ewigkeit und damit die endgültige Nähe zu Gott gefunden. Während meiner ersten Bürgermeister-Ära (2000 bis 2005) haben Florian Sobocan und ich eine gute und ehrliche Freundschaft entwickelt. Er war mir in dieser Zeit ein wichtiger Zuhörer, mit dem ich immer wieder gerne meine Ideen und Visionen besprochen habe.

Ich erlaube mir, meinen Blogbeitrag anlässlich seines Abschiedsgottesdienstes am 31. August 2014, bevor er einen Tag später die Pfarren in Hochwolkersdorf und Schwarzenbach in der Buckligen Welt als Pfarrmoderator übernahm, in Erinnerung zu rufen.

Die restlos gefüllte Maria-Schnee-Kirche anlässlich des Abschiedsgottesdienstes von Mag. Florian Sobocan am 31. August 2014.

Einen derartigen Besuch der Heiligen Messe wie am letzten Sonntag (31. August 2014) hätte unser Pfarrer wohl gerne öfter gehabt. Bis zum letzten Stehplatz war unsere Kirche Maria Schnee gefüllt, um Mag. Florian Sobocan bei seinem letzten offiziellen Gottesdienst in Wiener Neudorf dabei zu sein. Und mehr als 20 Ministranten war eine schöne Begleitung bei seinem letzten Arbeitstag bei uns.

Ich erinnere mich noch gerne an die Anfangszeit von Pfarrer Florian in Wiener Neudorf zurück, als er mit seiner Gitarre in die Kirche einzog und irgendwann während der Messe einfach zu diesem Musikinstrument griff und die musikalische Begleitung selbst übernahm. Diese unkonventionelle Art hat mich sehr berührt und vereinnahmt. Während meiner Bürgermeisterzeit war ich in ständigem Kontakt mit unserem Pfarrer und es hat sich in diesen Jahren eine Freundschaft zwischen uns beiden entwickelt, für die ich sehr dankbar bin.

Sehr sehr oft haben wir uns anlässlich von Begräbnisfeierlichkeiten am Friedhof getroffen. Was mir diesbezüglich Mag. Sobocan beigebracht hat ist, dass der Mittelpunkt des Zusammenlebens nicht der Abschied sein sollte, sondern die Zeit davor. Es geht nicht vorrangig um die Trauer über die Sekunde des Abschieds, sondern um die Dankbarkeit und die Freude, einen Menschen gut und besser kennengelernt haben zu dürfen. Natürlich tut jeder Abschied weh und ist jeder Abschied schmerzvoll und ist umso tiefer und unfassbarer, je näher uns ein Mensch stand, den wir verloren haben. Und natürlich gibt es einen haushohen Unterschied zwischen dem Tod eines bekannten, befreundeten oder geliebten Menschen und dem einfachen Abschiednehmen. So bleibt bei mir weniger die Traurigkeit darüber, dass Pfarrer Florian nun nach Hochwolkersdorf übersiedelt als mehr die Freude und Dankbarkeit darüber, dass er fünfzehn Jahre lang unser Pfarrer und Schäfer gewesen war und ich eines seiner Schafe (hoffentlich ein weißes). Bei mir bleibt die Erinnerung an einen Pfarrer, bei dem ich das Gefühl habe, dass er Wiener Neudorf sehr sehr gut getan hat und an den wir uns noch lange mit guten Gedanken zurückerinnern werden.